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EUDI-Wallet: Europas neuer Identitätsstandard für Hotels?

Warum die Hotellerie profitieren könnte und weshalb Akzeptanz und Alltagstauglichkeit über Erfolg oder Misserfolg der EUDI‒Wallet entscheiden.
Marc Frauenholz
Self-Service Experte
Fachbeitragsautor
EUDI Wallet Smartphone
Wenn Reisen digitaler werden, muss sich auch die Art verändern, wie Gäste sich ausweisen. Mit der European Digital Identity Wallet (kurz: EUDI‒Wallet) unternimmt Europa einen weiteren Anlauf, Identitätsnachweise alltagstauglich zu digitalisieren. Für die Hotellerie klingt das nach einem möglichen Wendepunkt vergleichbar mit der Einführung von Self‒Check‒in oder digitalen Zimmerschlüsseln.
Erstmals ist der Ansatz konsequent grenzüberschreitend angelegt: Die EUDI‒Wallet soll in allen EU‒Mitgliedstaaten einsetzbar sein und basiert auf dem verbindlichen Rechtsrahmen der eIDAS‒2.0‒Verordnung. Gleichzeitig bleibt die Branche zurückhaltend. Zu präsent sind die Erfahrungen mit früheren Initiativen etwa der 2021 vorgestellten „ID‒Wallet“, die zwar politisch stark forciert wurde, über Pilotprojekte bei Steigenberger Hotels (Deutsche Hospitality), Motel One und Lintner Hotels jedoch nie hinauskam und im operativen Gästealltag keine Relevanz entwickelte.

Ankommen ohne Ausweis: Identität wird mobil

Reisende erwarten heute Geschwindigkeit, Komfort und Sicherheit vom ersten Klick bei der Buchung bis zum Check‒out. Parallel wächst der regulatorische Druck auf Hotels: Meldepflichten, Altersnachweise, Zahlungsabsicherung und Datenschutz müssen lückenlos erfüllt werden. Genau an dieser Schnittstelle setzt die EUDI‒Wallet an. Als digitale Brieftasche soll sie es Bürger:innen ermöglichen, Identitätsnachweise wie Personalausweis, Reisepass oder Führerschein sicher auf dem Smartphone zu speichern und digital vorzuzeigen. Die Identifizierung erfolgt rechtssicher, datensparsam und zumindest dem Anspruch nach europaweit interoperabel. Für Gäste bedeutet das weniger Formulare, kein Kopieren von Ausweisen und keine sensiblen Dokumente, die offen an der Rezeption liegen. Für Hotels verspricht die Wallet automatisierte Prozesse, weniger Medienbrüche und ein höheres Sicherheitsniveau.

Relevanz für Hotels: Vom Meldeschein bis zum Self-Check-in

In der Hotellerie ergeben sich daraus konkrete Einsatzszenarien:
  • Self‒Check‒in: Identitätsprüfung vor Anreise oder am Self‒Service‒Terminal
  • Digitaler Meldeschein: Übermittlung gesetzlich relevanter Daten ohne Papier
  • Alters‒ und Identitätsnachweise: etwa für Zusatzleistungen oder bestimmte Zahlungsarten
  • Grenzüberschreitende Gäste: Einheitlicher Identitätsnachweis für EU‒Reisende
Ein zentrales Versprechen der EUDI‒Wallet liegt in der Datensouveränität: Gäste entscheiden selbst, welche Informationen sie freigeben. Statt einer vollständigen Ausweiskopie wird beispielsweise lediglich bestätigt, dass eine Person eindeutig identifiziert oder volljährig ist. Datenschutz nach dem Prinzip „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“.

Sicherheit und Kontrolle: Datensparsamkeit als Systemprinzip

Die EUDI‒Wallet speichert Identitätsdaten verschlüsselt und unter Kontrolle der Nutzer:innen. Sensible Informationen verbleiben in der Wallet und werden nicht dauerhaft bei Hotels oder Plattformbetreibern gespeichert. Für die Hotellerie bedeutet das eine deutliche Reduktion von Haftungs‒ und Datenschutzrisiken. Statt personenbezogene Dokumente zu archivieren, erhalten Hotels lediglich kryptografisch gesicherte Nachweise. Das vereinfacht die Einhaltung der DSGVO und senkt gleichzeitig die Attraktivität von Hotelinfrastrukturen als Ziel für Datendiebstahl. Ob diese Sicherheitsmechanismen für Gäste auch transparent und intuitiv erlebbar sind, wird jedoch entscheidend für die Akzeptanz sein eine Hürde, an der frühere Identitätslösungen oft scheiterten.

Einordnung: EUDI-Wallet vs. eID vs. Smart eID

Warum frühere digitale Identitäten scheiterten und warum die EUDI‒Wallet erstmals echte Relevanz entfalten kann.
Klassische eID
Die eID‒Funktion des Personalausweises ermöglichte zwar seit 2012 digitale Identifizierungen etwa über die AusweisApp –, blieb in der praktischen Anwendung jedoch komplex und wenig nutzerfreundlich. In privaten Geschäftsprozessen konnte sie sich daher nie relevant etablieren. Für die Hotellerie war eine wirtschaftlich und operativ sinnvolle Integration damit faktisch nicht realisierbar.

Smart eID
Mobile Smart‒eID‒Ansätze sollten diese Lücke schließen, scheiterten jedoch an fragmentierten Standards, fehlender Akzeptanz und unklarer rechtlicher Einordnung. Die Smart eID wurde letztlich als Projekt in 2023 komplett eingestellt, ohne je im Alltag angekommen zu sein.

EUDI‒Wallet
Die EUDI‒Wallet setzt erstmals auf:

  • EU‒weit verbindliche Standards
  • Smartphone‒basierte Nutzung ohne Zusatzhardware
  • Selektive, datensparsame Attributfreigabe
  • Einsatz in öffentlichen und privaten Prozessen
Damit könnte sie erstmals besser auf reale Anwendungsfälle in der Hotellerie zugeschnitten sein als alle bisherigen Identitätsverfahren.

Technische Einordnung: Bedeutung für Self-Check-in- & Kiosk-Systeme

Für Self‒Check‒in‒ und Kiosk‒Systeme ist die EUDI‒Wallet weniger eine neue Oberfläche als eine neue Identitätsinfrastruktur. Technisch wird sie über standardisierte Schnittstellen in bestehende Self‒Check‒in‒, PMS‒ und Payment‒Prozesse integriert. Am Kiosk‒Terminal erfolgt die Identifikation typischerweise über QR‒Code‒ oder NFC‒basierte Wallet‒Aufrufe. Der Gast bestätigt die Anfrage auf dem Smartphone und gibt gezielt definierte Attribute frei etwa Identität, Alter oder Wohnsitz. Eine vollständige Übertragung von Ausweisdaten ist weder erforderlich noch vorgesehen.
Für Hersteller von Self‒Service‒Systemen ergeben sich daraus mögliche Vorteile:
  • Wegfall von Ausweisscannern, Kameras und manueller Dokumentenprüfung
  • Geringere Betrugsanfälligkeit gegenüber foto‒ oder scanbasierten Verfahren
  • Saubere Trennung von Identitätsprüfung, Zahlung und Schlüsselübergabe
Gleichzeitig steigt der Integrationsaufwand auf Softwareseite. Kiosk‒ und Self‒Check‒in‒Systeme müssen Wallet‒Protokolle, Trust‒Frameworks und nationale EUDI‒Gateways unterstützen. In der Übergangsphase bleibt daher ein hybrider Betrieb notwendig, bei dem Wallet‒basierte Identifikation parallel zu klassischen Verfahren existiert.

Mehr als Identität: Grundlage für neue Services

Langfristig ist die EUDI‒Wallet als Infrastruktur gedacht. Neben der Identifikation kann sie Grundlage sein für:
  • digitale Unterschriften bei Buchungen,
  • Vollmachten bei Geschäftsreisen,
  • sichere Zahlungsfreigaben,
  • tiefe Integration in digitale Check‒in‒Systeme und Self‒Service‒Kioske.
Gerade Hotels mit hohem Automatisierungsgrad könnten profitieren allerdings nur, wenn Technik und Nutzererlebnis reibungslos zusammenspielen und keine zusätzlichen Kosten oder Hürden für Gäste entstehen.
Fazit: EUDI-Wallet europaweit interoperabel – aber noch kein Selbstläufer
Die digitale Identität ist in Europa kein Neuland, sondern ein Dauerthema. Frühere Ansätze wie eID und Smart eID starteten ambitioniert, scheiterten jedoch an Komplexität, mangelnder Akzeptanz, fehlender Integration in reale Geschäftsanwendungen und begrenzter Alltagstauglichkeit. Diese Erfahrung rechtfertigt eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der EUDI‒Wallet. Zwar ist der regulatorische Rahmen diesmal deutlich stabiler: Bis 2027 sind alle EU‒Mitgliedstaaten verpflichtet, eine solche Wallet bereitzustellen. Doch Verfügbarkeit allein garantiert keine Nutzung. Entscheidend wird sein, ob die EUDI‒Wallet im Hotelalltag tatsächlich schneller, einfacher und verlässlicher ist als bestehende Identifizierungsprozesse.
Für die Hotellerie bleibt die EUDI-Wallet damit vorerst ein strategischer Zukunftsbaustein – mit erkennbarem Potenzial, aber auch mit der klaren Lehre aus der Vergangenheit: Über Erfolg oder Misserfolg entscheidet nicht das technische Konzept, sondern der reale Einsatz.
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