Viele Hotelbetriebe befinden sich heute, einige Jahre nach der COVID‒19‒Pandemie, wieder in einer wirtschaftlich soliden Lage. Die Auslastung ist stabil, die Bewertungen fallen positiv aus, der operative Betrieb funktioniert. Auf den ersten Blick scheint die Branche zur Normalität zurückgekehrt zu sein.
Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch ein fragiler Gleichgewichtszustand. Prozesse laufen häufig nicht deshalb reibungslos, weil sie strukturell gut aufgestellt sind, sondern weil Mitarbeitende systemische Schwächen manuell ausgleichen. Fehlende Integration, Medienbrüche und unzureichend automatisierte Abläufe werden im Alltag kompensiert – mit Erfahrung, Improvisation und persönlichem Einsatz. Genau darin liegt eine unterschätzte strukturelle Gefahr.
Denn die technologischen Veränderungen in der Hotellerie sind keineswegs neu. Digitale Buchungskanäle, mobile Endgeräte, kontaktlose Services, Self‒Service‒Angebote und automatisierte Zahlungsprozesse gehören seit Jahren zum Branchenalltag. Sie werden analysiert, pilotiert und eingeführt, Investitionen sind erfolgt, Systeme wurden ergänzt.
Was jedoch häufig ausbleibt, ist ein grundlegender Perspektivwechsel. Digitalisierung wird vielerorts additiv verstanden: als Ergänzung bestehender Prozesse, nicht als deren Neugestaltung. Der Online‒Check‒in ersetzt das Papierformular nicht, sondern existiert parallel dazu. Self‒Check‒in‒Kioske stehen sichtbar in der Lobby, während im Hintergrund weiterhin manuelle Prüfungen, Medienbrüche und Sonderprozesse notwendig sind. Payment‒Prozesse sind digitalisiert, bleiben jedoch fragmentiert und stark operativ geprägt.
Technologie wird eingesetzt, ohne die zugrunde liegende Logik des Hotelbetriebs konsequent zu verändern. Der digitale Wandel findet an der Oberfläche statt – nicht im Kern der Organisation. Dadurch entsteht der Eindruck von Modernisierung, während strukturelle Ineffizienzen fortbestehen. Gerade in auslastungsstarken Zeiten wird dieser Widerspruch leicht übersehen, obwohl er langfristig die Anpassungsfähigkeit der Häuser begrenzt.